Warum war jetzt, fast drei Jahrzehnte nach dem Absturz von Swissair-Flug SR111, der richtige Zeitpunkt, diesen Film zu machen?
Anne Walser*: Die Geschichte hat eine zeitlose Dringlichkeit. Es geht in erster Linie um wichtige Themen wie Trauerbewältigung, Verlust, Heilung. Dieser Stoff ist deshalb immer wichtig. Als wir mit der Entwicklung von acht Jahren begonnen haben, wussten wir nicht exakt, wann der Film fertig sein wird. Wir waren aber sicher, dass es ein Stoff ist, der seine Berechtigung hat und auch losgelöst von einem Datum als Botschaft funktioniert. Bei diesem Fall war sicherlich auch wichtig, dass bereits etwas Zeit seither vergangen ist und die Wunden nicht allzu frisch waren. Auch wenn sie nie gänzlich heilen, benötigt eine Geschichte basieren auf wahren Tatsachen etwas Distanz.
Es gibt schon zahlreiche Dokumentarfilme und einen Fernsehfilm über Unglücksflug SR111. Warum entscheiden Sie sich, nun trotzdem auch noch einen Spielfilm zu machen?
Weil die Tragödie um SR111 eine ist, die viele Schweizerinnen und Schweizer ganz allgemein tangiert und emotional betroffen hat. Und weil sich in einem Spielfilm Emotionen anderes transportieren lassen. Nicht besser, nicht schlechter, aber anders.
Was war Ihnen bei der Umsetzung dieses Themas besonders wichtig?
Der Schmerz über diese Katastrophe ist bei vielen (älteren) Leuten noch existent. Dies erlebten wir hautnah bei der Entwicklung des Projektes – sei es in Gesprächen mit Angehörigen, Flugpersonal oder auch mit Anwohner der Unglücksstadt Halifax. Ziel des Films war es jedoch nie, alte Wunden aufzureißen. Viel mehr zeigt der Film, wie die Leben völlig fremder Menschen zusammenfinden. Plötzlich haben Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen eine gemeinsame Trauer und verbinden sich für immer durch einen der entscheidendsten Momente ihres Lebens. Uns berührt die Vorstellung, wie sich alles, was wir über unser Leben zu wissen glaubten, augenblicklich und unerwartet ändern kann, wie uns Trauer eine gemeinsame Sprache lehrt und wie der Tod unsere Perspektive auf das Leben und das, was wichtig ist, verändert. Der Absturz wird in unserem Film nicht gezeigt. Unser Ansatz ist kein boulvardesker Katastrophenfilm. Unser Ziel ist einerseits eine subtile, emotionale Hommage an die Kraft in uns Menschen, auch den widrigsten Umständen die Stirn zu bieten. Andererseits ist dieser Film ein leiser Appell, dankbar für das zu sein, was einem das Leben tagtäglich schenkt.
Wo liegt bei einem solchen Stoff für Sie die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und historischer Verantwortung? Die Figuren sind teilweise fiktional, das Trauma dahinter ist real. Wie verhindert man, dass reale Schicksale für eine dramatische Geschichte instrumentalisiert werden?
In einem Film, der auf wahren Tatsachen beruht, versucht man natürlich, allen Umständen und Personen gerecht zu werden. Eine Verdichtung muss aber erlaubt bleiben. Wir haben lange darüber diskutiert, wie sich die Geschichte von Swissair-Flug SR 111 erzählen lässt: respektvoll gegenüber den Angehörigen, ohne Sensationslust – und zugleich so, dass die weitreichenden Folgen des Absturzes spürbar werden. Dabei wurde uns schnell klar, dass wir keine realen Einzelschicksale nacherzählen wollen. Die Entscheidung für fiktive Figuren erlaubt uns, kein reales Schicksal über ein anderes stellen zu müssen. Denn jede dieser Geschichten trägt ihr eigenes Drama in sich und verdient Respekt. Gleichzeitig gibt uns die Fiktion die Freiheit, die emotionale Wahrheit und den Geist vieler Erfahrungen aufzunehmen, ohne reale Biografien vereinnahmen zu müssen.
Eine Ausnahme bildet Urs Zimmermann, der Pilot – und einer der Gründe, weshalb wir diesen Film überhaupt machen. Björn Hering, Koproduzent des Films ist verheiratet mit Zimmermanns Tochter und – gemeinsam mit seinem Geschäftspartner sowie Regisseur-Autor Mauro Mueller – hat er den Stoff zu C-Films gebracht. Seine Geschichte bildet den Rahmen. Sie erzählt von seinem Können, seiner Liebe zum Fliegen und endet dort, wo er ganz bei sich war: im Cockpit. In dieser Rahmenhandlung liegt etwas Universelles: der Wunsch, dem zu folgen, was man wirklich liebt – und darin ganz aufzugehen.
Wie eng war der Kontakt zu Angehörigen der Opfer und zu Menschen, die damals für Swissair, Rettungsdienste oder Care-Teams im Einsatz waren?
Da wurden unzählige Gespräche im Vorfeld geführt. Die sind allesamt in das Drehbuch eingeflossen. Dazu gehören Gespräche mit Angehörigen der Opfer, ehemalige Swissair-Mitarbeitende, die die Katastrophe nah erlebt und begleitet haben, Mitglieder des damaligen Care-Teams, wissenschaftlich und technisches Fachpersonal, Anwohner der Absturzstelle in Halifax, Arbeiter des Bergungsteams oder auch Journalisten, die damals intensiv in die mediale Berichterstattung involviert waren. Erst dieser Austausch und das psychologische Ping-Pong hat dafür gesorgt, dass Mauro Mueller in seiner Doppelfunktion als Autor und Regisseur nie die Objektivität verliert und auch ein Buch entstehen konnte, welches der Tragödie gerecht und den Schicksalen würdig wird.
Der Film verzichtet damit auf das spektakulärste Element eines klassischen Katastrophenfilms. War das auch aus Produzentensicht ein Risiko?
Das war von Anfang an die Entscheidung: Kein boulevardesker Katastrophenfilm, sondern eine subtile Annäherung an die Folgen einer Tragödie. Deshalb auch der Zusatztitel Echoes from Halifax.
Wie aufwändig war es, das Jahr 1998 glaubwürdig zu rekonstruieren – gerade Swissair, Flughäfen und die damalige Kommunikationswelt?
1998 liegt noch gar nicht so lange zurück – und gleichzeitig hat sich unsere Welt seither enorm verändert. Gerade die Kommunikationswelt war eine völlig andere: keine Smartphones, keine sozialen Medien, Informationen verbreiteten sich wesentlich langsamer und persönlicher. Das musste sich natürlich auch im Film widerspiegeln. Uns war wichtig, diese Zeit möglichst selbstverständlich und authentisch wieder entstehen zu lassen – von Kostümen, Ausstattung und Fahrzeugen bis hin zu Flughäfen, Swissair und den damaligen technischen Möglichkeiten. Das ist gerade bei einer Zeit, an die sich viele Zuschauer noch sehr genau erinnern können, besonders anspruchsvoll: Jeder kleine Fehler fällt sofort auf. Gleichzeitig wollten wir nie, dass die Rekonstruktion zum Selbstzweck wird. Sie soll den Zuschauer unmerklich ins Jahr 1998 zurückversetzen und den Figuren und ihrer Geschichte dienen.
Swissair ist in der Schweiz bis heute emotional stark aufgeladen. War Ihnen bewusst, dass der Film neben der persönlichen Tragödie zwangsläufig auch Erinnerungen an die Airline zurückbringen würde?
Absolut. Swissair war weit mehr als eine Fluggesellschaft. Sie war für viele Menschen ein Stück Schweiz, Nationalstolz und Teil der eigenen Biografie. Entsprechend stark sind die Erinnerungen und Emotionen bis heute. Das haben wir bereits während der Entwicklung in den vielen Gesprächen mit ehemaligen Swissair-Mitarbeitenden, Angehörigen und Direktbetroffenen gespürt. Unser Film erzählt aber nicht die Geschichte der Swissair als Unternehmen. Im Zentrum stehen die Menschen und die Frage, was ein solches Ereignis mit ihnen macht. Trotzdem gehört die Airline natürlich untrennbar zu dieser Geschichte – und damit werden zwangsläufig auch persönliche Erinnerungen wach. Ich finde das auch richtig so. Film darf Erinnerung auslösen. Entscheidend ist für mich, dass dies respektvoll geschieht und dass wir weder Nostalgie noch Tragödie instrumentalisieren.
Wie wichtig war Ihnen das Luftfahrtechnische bei der Produktion?
Sehr wichtig. Authentische und realistische Nacherzählung ist immer das A und O einer Produktion.
*Anne Walser (49) zählt zu den erfolgreichsten Filmproduzentinnen der Schweiz. Nach Stationen im Journalismus und Fernsehen sowie als Produktions- und Aufnahmeleiterin wechselte sie 1999 zu C-Films, wo sie unter anderem an «Die Manns – Ein Jahrhundertroman» und «Grounding – Die letzten Tage der Swissair» mitwirkte. Seit 2005 arbeitet sie als Produzentin, seit 2007 ist sie Partnerin von C-Films und verantwortet nationale wie internationale Kino- und Fernsehproduktionen. Zu ihren Arbeiten gehören «Akte Grüninger», die Martin-Suter-Verfilmungen «Der Koch» und «Der letzte Weynfeldt» sowie Paolo Sorrentinos international besetzter Film «Youth» mit Michael Caine und Jane Fonda. Ihre Produktionen wurden vielfach ausgezeichnet, darunter mit drei Europäischen Filmpreisen.

