Seit der Annexion der Krim und verstärkt seit dem Angriff auf die Ukraine arbeitet die Russische Föderation mit Hochdruck daran, eine Reihe “importsubstituierter” Passagierflugzeuge endlich auf den Markt zu bringen. Viele der Programme laufen allerdings holprig. Auch beim Mittelstreckenjet MS-21, dem größten Hoffnungsträger der russischen Zivilluftfahrt, sieht es nicht besser aus.
2024 wurde bekannt, dass die russifizierte MS-21 nicht nur schwerer ist als gedacht, sondern auch nicht weit genug fliegen kann. Durch Überschreitung des geplanten Gewichts um über fünf Tonnen wurde laut Insiderquellen die Reichweite bei maximaler Beladung auf unter 3.000 Kilometer reduziert. Laut aktuellen Herstellerdaten soll die MS-21 immerhin eine maximale Reichweite von etwa 5.000 Kilometer erreichen.
Trotzdem baut das Irkutsker Flugzeugwerk gerade 20 Exemplare der MS-21 als Teil der Serienproduktion. An einem der Flugzeuge wurden Ende Februar vor der Übergabe an die Endmontagehalle die Bordsysteme überprüft. Die anderen Exemplare befinden sich in unterschiedlichen Fertigungsstadien, wie es heißt. Die Produktion läuft auf Hochtouren, denn alle fünf Werkshallen sind derzeit vollständig ausgelastet, betont das Flugzeugwerk.
Der staatliche Hersteller-Konsortium UAC gab an, die vorhandenen Kapazitäten ermöglichten es, die geforderten Produktionstakte zu erreichen. Das Arbeitsvolumen sei in diesem Jahr jedoch erheblich. Wie viele MS-21 2026 fertiggestellt werden sollen, gab der Hersteller nicht bekannt.
Dabei bauen die Fachkräfte in Irkutsk ein Flugzeug zusammen, dessen Zertifizierung (in der “russifizierten” Ausführung) noch aussteht. Die künftig vollständig mit russischen Komponenten ausgestattete MS-21 existiert noch nicht als betriebsbereiter Airliner. Die Zulassung ist frühestens für Herbst 2026 geplant; danach sollen erste Serienmaschinen an die Aeroflot-Tochter Rossija übergeben werden. Die Fluggesellschaft hat bisher 18 Exemplare bestellt.
Mittel aus Großraumflugzeug-Programm für MS-21
Der Druck auf das MS-21-Programm wächst auch aus einer anderen Richtung. Die russische Regierung hat Ende Dezember 2025 per Erlass offiziell bestätigt, dass die Entwicklung eines russischen Langstrecken-Großraumflugzeugs (WLA) auf Eis liegt.
Premierminister Michail Mischustin genehmigte die Umwidmung von bis zu 2,6 Milliarden Rubel (28 Millionen Euro), die ursprünglich für das Großraumprogramm vorgesehen waren. Bis zu 2,2 Milliarden Rubel sollen in die Weiterentwicklung der importsubstituierten MS-21 fließen.
Im Mittelpunkt stehen dabei Gewichtsreduzierungen an der Flugzeugzelle sowie die Optimierung der aerodynamischen Eigenschaften. Betroffen sind unter anderem Flügelkasten, Fahrwerksschacht, Hochauftriebssysteme und Rumpfsektionen. Der Abschluss dieser Arbeiten ist äußerst optimistisch für Ende 2026 vorgesehen.
Russland plant Exportoffensive
Ungeachtet der laufenden Verzögerungen und Unsicherheiten gibt sich die russische Regierung langfristig exportorientiert. Industrieminister Anton Alichanow erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur TASS, die Zertifizierung der MS-21 und des SJ-100 nach russischen und internationalen Standards werde die Voraussetzung schaffen, die Flugzeuge aktiv auf ausländischen Märkten anzubieten.
Rostec-Chef Sergej Tschemesow hatte angekündigt, die importsubstituierte MS-21 solle Ende 2026 zertifiziert sein. Ob diese Zeitpläne halten, wird sich zeigen. Immerhin wurden bisherige Termine dieser Art wiederholt nach hinten verschoben. Auch die geplanten Modifikationen an der Zelle könnten Jahre dauern.
Mehr als 100 Maschinen bis 2030?
Der russische Vizepremierminister Witali Saweljew bestätigte im Februar indes Verhandlungen mit Aeroflot über die mögliche Beschaffung von bis zu 200 MS-21 bis 2033.
Der Herstellerkonzern UAC rechnet damit, im ersten Quartal 2026 einen Vertrag über 90 Flugzeuge mit Aeroflot abzuschließen. In trockenen Tüchern ist die Bestellung aber noch nicht.
Russlands ziviler Flugzeugbau hat in den vergangenen Jahrzehnten selten hohe Produktionsraten erreicht – für rund 230 Superjets der alten Baureihe benötigte die Industrie mehr als 15 Jahre. Hinzu kommt, dass eine breite Zulieferindustrie für die nunmehr im Inland zu fertigenden Komponenten erst aufgebaut werden muss.
Nächste Ausbaustufe geplant
Im Werk Irkutsk ist unterdessen ein weiterer Ausbauschritt geplant, um die erwartete Bestellung erfüllen zu können, sollte der Vertrag mit Aeroflot tatsächlich zustande kommen. Ein zusätzlicher Abschnitt im Ingenieurgebäude soll künftig für die Vormontage der Flügelenden genutzt werden, um die Durchlaufzeit in der Endphase der Fertigung zu verkürzen.

