In einem feierlichen Festakt beging die Lufthansa am 15. April in Frankfurt ihr 100. Jubiläum. Und ihre Belegschaft trat ausgerechnet an diesem Tag in den Streik. Anlass für einen Kommentar von AERO-INTERNATIONAL-Chefredakteur Thomas Borchert.
In jeder Familie gibt es ab und zu Streit. Aber stellen Sie sich mal dies vor: Ihre Eltern feiern ihre Silberhochzeit. Und Sie stellen sich quer und sagen: Da feiere ich nicht mit! Mehr noch: Sie hindern auch noch die übrigen Gäste aktiv daran, zur Party zu kommen, stellen sich außerdem vor die Festsaal-Tür und erklären jedem, der doch kommt, wie blöd Ihre Eltern sind.
So ähnlich muss man das einordnen, was die Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO Mitte April durchgezogen hat: Gezielt zum feierlichen Festakt der Lufthansa zum 100. Geburtstag der Airline am 15. April in Frankfurt hat sie die Kabinencrews der Fluggesellschaft zum Streik aufgerufen. 2000 Flüge fielen aus – natürlich auch solche, die Gäste zum Event bringen sollten. Das betraf dann, ganz nebenbei, auch mich.
Viel mehr als ein Tarifstreit
Beide Seiten der inzwischen ganz offensichtlich weit über einen Tarifstreit hinausgehenden Auseinandersetzung bei Lufthansa müssen sich nun Fragen gefallen lassen: Wie sehr muss man seinen Arbeitgeber hassen, wenn man noch nicht mal bereit ist, das 100-jährige (!) Bestehen des Unternehmens gemeinsam zu feiern? Und andererseits: Was ist der Unternehmensleitung bei der Führung ihrer Mitarbeiter so gravierend daneben gegangen, dass ihr weite Teile der Belegschaft überhaupt nicht mehr zu folgen scheinen?
Für mich ist das Vorgehen der Gewerkschaft die maximale Eskalation des Konflikts, sozusagen die nukleare Option. Es geht mir gar nicht um die Sache: Es lässt sich lange und mit vielen verschiedenen Einschätzungen darüber diskutieren, wie angemessen Lufthansa-Crews bezahlt werden und welche Gründe letztlich zur bevorstehenden Abwicklung der CityLine geführt haben.
Nein, es geht um etwas anderes. Es geht um Fingerspitzengefühl. Der 100. Geburtstag einer der traditionsreichsten Airlines weltweit, das Jubiläum der deutschen Fluggesellschaft: Das sollte, das muss jedem, der dort arbeitet, etwas bedeuten. Das ist ein Grund, gemeinsam zu feiern, gemeinsam stolz zu sein und die Differenzen, die man im Alltag hat, beiseite zu lassen – weil sie nun mal einfach nicht so grundlegend sind wie das 100-jährige Bestehen des Unternehmens, für das alle Mitarbeiter zusammen einstehen, die Führungsspitze ebenso wie die Kabinencrews – und an dessen zukünftigem Fortbestehen hoffentlich alle ein Interesse haben.
Doch stattdessen zog die Gewerkschaft auch noch einen billigen PR-Stunt ab: Sie baute sich protestierend vor dem Veranstaltungsort des Festakts auf – weil sich durch einen Streik genau dann und genau dort die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit für das 100-jährige Jubiläum instrumentalisieren und „mitnehmen“ ließ.
Verantwortung für die Gesellschaft
Wenn es um Streiks im „systemrelevanten“ Verkehrssektor Luftfahrt geht, wird immer auch die gesamte Gesellschaft in Haft genommen; die wirtschaftlichen Folgen sind enorm. Gerade in diesen Zeiten gibt es auch eine erhebliche Wirkung auf die Stimmungslage in Deutschland. Wenn eine Gewerkschaft und ihre Mitglieder also das – selbstverständlich zulässige – Instrument der Arbeitsniederlegung einsetzen, ist umso mehr Verantwortungsbewusstsein gefragt. Aus meiner Sicht ist das in diesem Fall misslungen.

