Angesicht rekordhoher Treibstoffkosten und bereits hier und da vermuteten Kerosinengpässen reagieren Fluggesellschaften und fordern ihre Cockpitcrews zu einem sparsamen Flugbetrieb auf.
Wie können Piloten im Tagesgeschäft den Treibstoffverbrauch senken, ohne bei Pünktlichkeit und Sicherheit Abstriche hinnehmen zu müssen? Das erklärt Johann-Philipp Spiegelfeld, A320-Kapitän bei der Austrian Airlines, AERO-INTERNATIONAL-Autor Kurt Hofmann.
AERO INTERNATIONAL: Sie sind unter anderem in der Abteilung Operations Efficency bei den Austrian Airlines tätig. Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich dort aktuell?
Johann-Philipp Spiegelfeld: Wir versuchen, jedes Kilogramm CO2 einzusparen, das möglich ist. Natürlich immer mit dem obersten Ziel Sicherheit und dem Grundsatz, unsere Passagiere pünktlich und zuverlässig an ihr Reiseziel zu transportieren. Aber gerade in der heutigen Zeit ist es essenziell, wann immer möglich, jene Verfahren anzuwenden, mit denen wir etwas Kerosin einsparen können.
Welche Verfahren sind das? Und in einer Zeit steigender Treibstoffkosten: Wie sehr beschäftigt das Piloten im täglichen Einsatz?
Jeder einzelne Flugplan wird genau berechnet, und eine Mindestmenge an Kerosin muss ohnehin mitgenommen werden. In dieser Mindestmenge sind viele Reserven und Sicherheitspositionen mit eingerechnet – etwa die 30 Minuten Final Reserve, die immer mit an Bord sein muss. Wenn es möglich ist, versuchen wir Verfahren der sogenannten „Green Operating Procedures“ bei unseren Airbus-Flügen anzuwenden, die vom Hersteller publiziert werden. Ein Beispiel dafür ist etwa, nur mit einem laufenden Triebwerk am Boden zu rollen. Ein weiteres, mit reduzierter Klappenstellung zu landen. Möglich ist auch, während des Starts vorübergehend die Klimaanlage auszuschalten. Dieses Verfahren wird genutzt, wenn zusätzliche Leistung benötigt wird, beispielsweise aufgrund kurzer Startbahnen oder schweren Flugzeugen, um die Triebwerke zu schonen und um Kerosin einzusparen. Und die individuelle Entscheidung hinsichtlich zusätzlichen Treibstoffs ist natürlich ebenfalls ein großer Faktor.
Wie entscheiden Sie, welche Mange an Treibstoff Sie mitnehmen?
Die Spritentscheidung ist eine wichtige Aufgabe der Crew vor jedem Flug. Die Berechnung basiert auf zahlreichen Daten, wie Wetterinformationen, Wind, Flugstrecke, statistische Verbrauchswerte. Wir Piloten bekommen diese Daten sehr übersichtlich und nachvollziehbar mit einer Software dargestellt. Auf Basis dieser Grundlage kann man dann eine sehr fundierte Entscheidung für den Flug treffen. Wir leben von Daten und Fakten!
Was gibt es noch?
Wir fliegen mit einem Cost Index, der für jeden einzelnen Flug errechnet wird. Dieser ist abhängig davon, wie pünktlich wir von der Parkposition wegrollen. Wenn wir Verspätung haben, errechnet uns der Flight-Profile-Optimizer, wie schnell wir fliegen müssen, um dennoch pünktlich ans Reiseziel zu kommen und wie wir dabei möglichst wenig Kerosin verbrauchen. Der Cost Index ist eine errechnete Geschwindigkeit, in der Wartungskosten und Crewkosten berücksichtig werden.
Wie wirkt sich das Gewicht eines Flugzeuges aus?
Jedes Kilogramm, das am und im Flugzeug transportiert wird, bedeutet vier Prozent Transportkosten. Jedes Kilogramm, das wir einsparen, reduziert diese Transportkosten – genau das gilt es umzusetzen. Essenziell dabei ist, dass unsere Crews auch wirklich für diese genannten Verfahren geschult sind. Das machen wir im Simulator. Dafür wird ausreichend Zeit und Training aufgewendet, damit sich Crews diese Verfahren aneignen können.
Welche weiteren Hilfsmittel oder Tools gibt es, die diese Arbeit erleichtern?
Aktuell sind wir gerade dabei, die App FlightPuls von GE Aerospace bei Austrian Airlines einzuführen. Das ist ein echter Game Changer. Durch die App werden wir die Möglichkeit haben, neben sicherheitsrelevanten Informationen auch Sustainability Informationen über den jeweiligen Flug zu bekommen, die dann nach dem Flug zur Analyse herangezogen werden können. Wichtig ist hier, das Bewusstsein zu schaffen, wie man das Flugzeug operiert, um sich so als Pilot stetig weiterentwickeln zu können.
Gibt es Verfahren die Sie direkt beeinflussen können?
Meine Tankentscheidung, ob ich mit einem Triebwerk am Boden rolle oder ob ich eine Reduced Flap Landing durchführe. Und natürlich versuchen wir, immer in der aktuell optimalen Flughöhe zu fliegen. In Absprache mit den Fluglotsen kann durch stärkere Rückenwinde Kerosin eingespart werden. Über solche Verfahren entscheiden wir selbst. Hier kann ein Pilot aktiv und unmittelbar einen Beitrag leisten, um Treibstoff zu sparen und die Umwelt zu entlasten.

