Boeing meldete, dass die Testzelle, der viertgebaute 777-9-Rumpf, 63.000 Flugzyklen überschritten habe und damit die Belastungen eines späteren Flugzeuglebens schaffe. Die originalgetreue Ermüdungszelle steht, wie eine riesige Marionette, im Freien, unter einem maßgeschneiderten Stahlgerüst, nördlich der riesigen 777-9-Werkhalle in Everett.
Hydraulik zieht und biegt wie im Flug
Eine Hydraulikanlage zieht an dem im Boden fest verankerten Großraumflugzeug über ein System aus beweglichen Stangen und Trägern. Damit werden die Lasten aufgebracht, die auch beim späteren Flug auftreten, nur wie im Zeitraffer. In 24 Stunden schafft die Anlage 160 simulierte Flüge. Jeder einzelne mit Rollen am Boden, Startlauf, Steigflug, Turbulenzen, Landeanflug, Aufsetzen und Ausrollen.
“Wir stellen komplette Flüge nach, von Gate zu Gate”, sagte Lee McNeil, 777-9-Struktur-Technical-Fellow bei Boeing, ein leitender Ingenieur mit hochrangiger, technischer Beraterfunktion. “Das Flugzeug denkt, es fliegt wirklich.”
Kurzer Hüpfer bis Achterbahn
Die Missionsprofile sind per Computer eingegeben und entsprechen realen Flugbelastungen. Diese sind nochmals in fünf Kategorien von A bis E eingeteilt: “E”-Flüge, die häufigsten, sind Schönwetterflüge mit kürzerer Dauer. “A”-Flüge sind dagegen extreme Langstreckenflüge durch Gewitterzonen und Scherwinde, wie an Gebirgspässen. Die unterschiedlichen Varianten werden nach ihrer real anzunehmenden Häufigkeit aufgerufen.
Den Tests vorausgegangen waren Ermüdungstests einzelner Komponenten, auch unter Extrembedingungen, bevor die originalgetreue, originalgroße Ermüdungszelle zum Einsatz kam. “Die Ermüdungstests helfen uns beim Nachweis, dass unsere Konstruktion wirklich robust ist und dass wir ein sicheres Flugzeug haben”, sagte 777-9-Struktur-Ingenieurin Daniele Hovington. “Ich freue mich schon darauf, mal mit einer echten 777-9 mitzufliegen.”
Die Ermüdungszelle liefert im Lauf des Tests aber auch wertvolle Erkenntnisse für die spätere Wartung bei den Kundenairlines. Etwa, wo sich Belastungen zuerst zeigen, und an welchen Stellen man am Besten prüft.
“Wir testen, um zu lernen und um den Airlines praktische Hilfe bei der planbaren, zuverlässigen Wartung zu geben”, sagte Tresha Lacaux, 777-9-Programmvorständin und Chief Project Engineer. “Wir helfen den Airlines, später zuverlässigen Betrieb nach Flugplan zu schaffen”, so die Ingenieurin.
Boeing will die rund um die Uhr laufende Testreihe bis 120.000 Flugzyklen fortsetzen. Mit Hilfe des Ermüdungstests kann man heute bereits den Verschleiß nach jahrzehntelangem Flugbetrieb erkennen.
Testflotte fliegt enorme 5000 Stunden
Unterdessen hat Boeings fliegende 777-9-Testflotte am Donnerstag die auffallend hohe Marke von 5000 Flugteststunden erreicht, etwa doppelt so viel, wie sonst üblich. Den Löwenanteil der Testarbeit übernahm unter den vier Testflugzeugen der erste 777-9-Prototyp WH001, der alleine 2209 Flugteststunden in der Luft war.

