Seit nun fast anderthalb Jahren betreibt die Fraport AG kein Russlandgeschäft mehr. Im Dezember 2024 schaffte es der Frankfurter Flughafenbetreiber nach jahrelangem Ringen, seinen Anteil am Flughafen Pulkowo in Sankt Petersburg zu verkaufen. Fraport hielt 25 Prozent des viertgrößten Flughafens Russlands – und das für lange Zeit nicht mehr freiwillig.
Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine wollte sich der deutsche Betreiber zurückziehen, allerdings machte die russische Regierung es Fraport nicht leicht. Schließlich kam dann allerdings doch ein Verkauf zustande und Fraport kam raus aus dem Russlandgeschäft. Russland hatte dem Unternehmen die Kontrolle über den Flughafen entzogen und dazu die VVSS Holding LLC zur Verwaltung von Pulkowo gegründet.
Vorher wurde der Anteil mit 111 Millionen Euro bewertet. So viel wird Fraport wohl nicht beim Verkauf herausgeschlagen haben. Veröffentlicht wurde ein Kaufpreis nicht. Die Transaktion sollte laut Fraport einen positiven Effekt im “mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich” auf die Reduzierung der Nettoschuldenlast des Konzerns haben. Aufgrund des Krieges hatte Fraport sein Russlandgeschäft bereits 2022 vollständig abgeschrieben.
Patrick Zwerger
Aeroflot-Tochter Rossija zählt zu den wichtigsten Airlines am Flughafen Pulkowo – und betreibt unter anderem eine vielfach bediente Pendlerroute nach Moskau.
Käufer kommt aus dem Oman
Bezüglich des Käufers hielt sich der Frankfurter Betreiber bedeckt. In offiziellen Mitteilungen der beteiligten Kanzleien und auch von Fraport war nur davon zu lesen, man habe den Anteil an einen Investor aus dem Nahen Osten verkauft. Firmenname und -sitz blieben zunächst unbekannt.
Für Fraport war die Sache damit erledigt. Aber wem gehört der Anteil inzwischen? Aus den russischen und omanischen Firmenverzeichnissen geht hervor, dass es sich bei dem Käufer um eine Tochter des omanischen Staatsfonds mit Sitz in Maskat handelt. Das staatliche Firmenregister der Russischen Föderation führt als neuen Anteilseigner der VVSS Holding, durch welche Fraport am Flughafen beteiligt war, eine Firma namens Orbit Aviation.
Dem omanischen Firmenverzeichnis lässt sich wiederum entnehmen, dass Orbit Aviation am 5. Dezember 2024 gegründet wurde, also an dem Tag, an dem Fraport seine Beteiligung am Flughafen Pulkowo verkaufte. Als Investoren werden Galaxy Aviation und New Galaxy Investment gelistet. Beide Firmen gehören dem Staatsfonds Saturn, der vom staatlichen Vermögensfonds, der Oman Investment Authority, verwaltet wird. Keine der Firmen äußerte sich gegenüber der FLUG REVUE zu dem Kauf.
Das neue Investment hat in Pulkowo einiges verändert. Seit dem Ausstieg der deutschen Anteilseigner hat der Flughafen ein neues Logo und auch die Flugrouten haben sich verschoben. Mit dem omanischen Staatsfonds im Boot richtet sich Pulkowo inzwischen mehr in Richtung der arabischen Welt aus. Das ist natürlich auch den EU-Sanktionen gegen Russland geschuldet, aber die waren schließlich auch zwei Jahre vor dem Verkauf schon in Kraft.
Nicht nur Ziele auf der arabischen Halbinsel stehen jetzt für Pulkowo im Fokus, sondern auch Flughäfen im Maghreb werden verstärkt angeflogen. Westliche Sanktionen hatten Direktflüge nach Europa und Nordamerika aus Russland weitestgehend beendet. Direktflüge von Russland in die meisten Länder der Welt sind weiterhin problemlos möglich.
Die russischen Passagiere scheinen von der Übernahme vielfach zu profitieren. Im Februar nahm Pulkowo etwa zum ersten Mal in der Geschichte des Flughafens Direktflüge nach Marokko ins Netz auf. Von Petersburg kommen 160 Passagiere ohne Umsteigen dreimal in der Woche nach Casablanca und von dort, wie der russische Flughafen selbst bewirbt, weiter nach Paris, London, Rom, Madrid, Washington, New York oder Miami. Vorausgesetzt man bringt ein Visum mit. Schon jetzt ist Casablanca laut Aussage des Flughafens eine der beliebtesten Routen.
Enge wirtschaftliche Verbindung
Für Fraport war der Ausstieg die einzige Option. Für den neuen Eigentümer bietet sich hingegen großes Gewinnpotenzial in Sankt Petersburg. Omans Staatsfonds investiert in eine Reihe von Infrastrukturprojekten auf dem Globus. Das Investmentportfolio ist ebenso breit wie die Liste der Länder, in die investiert wird. Mit Russland haben sich die Beziehungen auch politisch intensiviert.
Im April 2025 unterzeichneten die beiden Länder während eines Besuchs des omanischen Sultans Haitham bin Tariq al-Said in Moskau ein Abkommen für ein visafreies Regime. Damit werden Reisen zwischen den beiden Ländern vereinfacht.
Russische Touristen können nun ohne Visum für 30 Tage in den Oman einreisen. Einen Direktflug nach Pulkowo gibt es bisher allerdings nicht. Dafür stieg das Touristenaufkommen in den ersten Monaten nach der Einführung der visumfreien Einreise in den Oman um über 80 Prozent an. Über 86.000 russische Staatsbürger besuchten den Oman im vergangenen Jahr.
Moskau intensiviert systematisch seine Beziehungen zu allen Golfstaaten und hat dabei den Oman als Schlüsselpartner ins Visier genommen. Der Sohar-Hafen, einer der wichtigsten Häfen des Landes, verbindet Oman mit Indien, China, Japan und Südkorea sowie mit der gesamten Region des Roten Meeres. Das macht das Land auch für russische Wirtschaftsaktivitäten interessant.

Flughafen Pulkowo
Im Februar traf der erste Direktflug aus Marokko in St. Petersburg ein.
Zudem unterzeichneten die beiden Länder 2023 ein Doppelbesteuerungsabkommen, das russischen Unternehmen Zugang zu Märkten der Golfregion erleichtert.
Seit 1964, als im Oman Öl entdeckt wurde, ist der Ölsektor das größte Wirtschaftssegment. Davon will die omanische Regierung jetzt zunehmend unabhängig werden. Russland ist der Hauptweizenlieferant des Omans und verfügt über Expertise in Landwirtschaft und Transport.
Besonders interessiert sich Oman auch für russische KI-Technologien zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums. Auch Energiekooperation steht auf der Agenda beider Länder.
Limitiert werden die gemeinsamen wirtschaftlichen Beziehungen nur durch die Bemühungen des Oman, weltpolitisch neutral zu bleiben. Das kleine Land im Süden der Halbinsel ist gewissermaßen die Schweiz der arabischen Welt.
Außerdem will der Oman seine traditionell engen Beziehungen zu Großbritannien erhalten. Die Briten sind der größte ausländische Investor im Oman, gefolgt von den USA. Andere Länder folgen erst mit sehr großem Abstand.
Aus Großbritannien flossen im vergangenen Jahr 42 Milliarden US-Dollar als Investments in den Oman, aus den USA 22 Milliarden Dollar. Das drittplatzierte Land, Kuwait, investierte lediglich 3,6 Milliarden Dollar. Also ist auf internationaler Bühne Zurückhaltung gefragt.
Auch Katar ist Investor
Vor zehn Jahren hatte Fraport seinen Anteil an Pulkowo bereits reduziert. Der staatliche katarische Staatsfonds Qatar Investment Authority (QIA) hatte sich mit einem Anteil von 24,9 Prozent als Miteigentümer des Petersburger Flughafens eingekauft.
Die Beteiligung kam durch den Kauf von Anteilen zweier bisheriger Konsortialpartner zustande, auch von Fraport. Fraports Anteil reduzierte sich damals von 35,5 auf 25 Prozent. Das Unternehmen blieb jedoch weiterhin operativer Betreiber des Flughafens.
Neben Pulkowo hält der Staatsfonds bereits eine bedeutende Beteiligung an der Heathrow Airport Holdings, dem Betreiber des Londoner Großflughafens. Katar und Oman investieren beide gezielt in ausländische Infrastruktur.
Schwarze Zahlen trotz Sanktionen
In Pulkowo und anderen großen russischen Flughäfen stiegen die Passagierzahlen seit der Corona-Pandemie kräftig an – trotz der seit Frühjahr 2022 geltenden Sanktionen. Den ersten Passagierrückgang seit Sanktionsbeginn verzeichnete die Luftfahrtbranche im vergangenen Jahr.
Mit 108,5 Millionen Fluggästen lag das Aufkommen knapp drei Prozent unter dem Vorjahreswert, wie der Chef der Luftfahrtbehörde Rosawiazija, Dmitri Jadrow, bekanntgab. Hauptursache für den Rückgang war ein Einbruch im Inlandsverkehr um etwa vier Prozent auf 81,2 Millionen Passagiere. Das internationale Geschäft, das in den beiden Vorjahren noch zweistellig gewachsen war, legte nur noch um 1,6 Prozent auf 27,4 Millionen Reisende zu.

Flughafen Gorno-Altaisk
Viele kleinere Flughäfen in Russland, gerade in den arktischen Regionen und in Südsibirien, wie der Flughafen Gorno-Altaisk, müssen dringend modernisiert werden
Als Grund nannte Rosawiazija-Chef Jadrow den sanktionsbedingten Ausfall der Flottenerneuerung und den “unvermeidlichen Abgang von Flugzeugen durch technischen Verschleiß”. Die heimisch produzierten Flugzeuge, ohne westliche Teile, sollen erst im Laufe des Jahres zertifiziert werden und in den kommenden Jahren schrittweise die Flotten erneuern.
Allerdings rechnet die Luftfahrtbehörde mit einer Erholung der Passagierzahlen. Heimische Wartungskapazitäten seien ausgebaut worden und auch die geplante Wiedereröffnung der seit 2022 gesperrten Flughäfen Gelendschik und Krasnodar sollen den Inlandsverkehr ankurbeln.
Mithilfe von privaten Investoren modernisiert Russland derzeit auch einige kleinere Regionalflughäfen in den entlegenen Gegenden des Landes, darunter Orenburg und Gorno-Altaisk. Die abgelegenen Flughäfen könnten sich die nötigen Modernisierungen sonst nicht leisten.

